Univ.-Prof. Dr. Susanne Reger-Tan
Ein Positionspapier zahlreicher Fachgesellschaften hat Störungen des weiblichen Hormonhaushalts und Stoffwechsels jetzt in die breite öffentliche Wahrnehmung gerückt. Prof. Dr. Susanne Reger-Tan, Direktorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am HDZ NRW ist u.a. federführend an der Patientinnen-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Polyendokrinen Metabolischen Ovarialsyndroms (PMOS) beteiligt.
PMOS (früher: PCOS) wurde lange Zeit als einfache Zyklusstörung unterschätzt. Dabei handelt es sich um eine Hormonstoffwechselstörung, die sich auf den gesamten Körper auswirkt und jede achte Frau betrifft. Sie tritt in jungen Jahren auf und wird häufig bei unerfülltem Kinderwunsch, jedoch immer noch viel zu spät diagnostiziert. Schätzungsweise 70 Prozent der Betroffenen bleiben ohne Diagnose. Die physiologischen Hormonveränderungen bringen jedoch einige gesundheitliche Risiken mit sich:
„Die Erkrankung macht deutlich, wie eng Hormonmedizin, Stoffwechselmedizin und Diabetologie miteinander verbunden sind“, sagt Prof. Dr. Susanne Reger-Tan. Sie fordert daher eine ganzheitliche Betrachtung unter Einbeziehung weiterer Fachbereiche, darunter Gynäkologie, die hausärztliche Versorgung, Endokrinologie, Diabetologie, Psychologie, Dermatologie, Kinderheilkunde, um betroffenen Patientinnen frühzeitig und individuell weiterhelfen zu können. „Wir sind dabei, die Lücke der wissenschaftlichen Daten über die weiblichen Aspekte endokriner metabolischer Erkrankungen zu schließen. Auch die Technologie muss hier nachbessern.“ So könnten zum Beispiel moderne Insulinpumpen noch nicht berücksichtigen, dass sich die Insulinwirkung im Zyklusverlauf verändere. „Die Glukosekontrolle fällt Frauen dadurch viel schwerer als Männern.“
Weitere wichtige Aspekte der Frauengesundheit betreffen Fragen zu Schwangerschaftsdiabetes und menopausalen Beschwerden. „Sieben Prozent aller Frauen leiden im Verlauf ihrer Schwangerschaft unter Stoffwechselstörungen, die unter anderem ein zweifach erhöhtes Risiko von kardiovaskulären Erkrankungen mit sich bringen können.“ Gestationsdiabetes erfordere daher eine strukturierte Nachsorge. Zudem würden gesundheitliche Beeinträchtigungen während der Menopause immer noch unterschätzt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Therapeutinnen und Therapeuten seien jedoch auf einem guten Weg, um die noch bestehenden Diskrepanzen in der Studienlage und medizinischen Versorgung aufzuarbeiten, betont die Expertin. „Information und Aufklärung zum komplexen Thema machen unser Anliegen deutlich. Geschlechtsspezifische Unterschiede und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit werden künftig bei Fragen der Prävention, Diagnostik und Therapie eine immer stärkere Rolle spielen.“